04.05.2018 | Landesausstellung eröffnet

Der neu entdeckte Marx

Im Foyer des Stadtmuseum empfängt die Besucherinnen und Besucher eine haushohe Installation von Marx-Fotografien.
Im Foyer des Stadtmuseums empfängt die Besucherinnen und Besucher eine haushohe Installation von Marx-Fotografien.

Jetzt geht es wirklich los: Die Landesausstellung zu Karl Marx, das Herzstück der Jubiläumsfeiern zum 200. Geburtstag des berühmtesten Trierers, wurde am Freitag mit einem Festakt in der Konstantin-Basilika eröffnet. Ab dem 5. Mai ist die Schau unter dem Titel „Karl Marx 1818-1883 – Leben, Werk, Zeit“ im Rheinischen Landesmuseum und Stadtmuseum Simeonstift für das Publikum geöffnet. Ziel der Ausstellung ist nach Darstellung der wissenschaftlichen Leiterin Beatrix Bouvier eine Neubewertung von Karl Marx als Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts. Weitere zentrale Bestandteile des Jubiläumsjahrs sind die neue Dauerausstellung im Museum Karl-Marx-Haus und die Ausstellung „Lebenswert Arbeit“ mit Positionen moderner Kunst im Museum am Dom, die gleichfalls ab Samstag ihre Pforten öffnen.

Jean-Claude Juncker würdigte Marx in seiner Festrede als einen in die Zukunft gerichteten Denker, der viele Menschen unterschiedlicher politischer Provenienz inspiriert habe. Der Grundgedanke von Marx sei richtig. „Der Kapitalismus ist eine Plage, wenn er nicht nuanciert wird durch Überlegungen, die den Menschen und nicht die Produktion in den Mittelpunkt stellen“, sagte der EU-Kommissionspräsident und Trierer Ehrenbürger. Selbstkritisch fügte Juncker an: „Die EU ist ein wackliges Gebäude, solange die Sozialpolitik das Stiefkind der europäischen Integration bleibt.“

Tiefgründiger Analytiker

Bei der Organisation der Landesausstellung haben das Land Rheinland-Pfalz und die Stadt Trier in einer gemeinsamen Trägergesellschaft eng zusammengearbeitet. Ministerpräsidentin Malu Dreyer zollte dem „Gelehrten und tiefgründigen Analytiker Karl Marx, einem der bedeutendsten Denker des 19. Jahrhunderts“ ihren Respekt. Es sei wichtig und richtig, dass Rheinland-Pfalz aus Anlass seines 200. Geburtstags einen Anstoß gebe, sich mit seinem Leben und seinem Werk kritisch auseinanderzusetzen. Zugleich äußerte sie ihr Verständnis für den Standpunkt von Opfern der SED-Herrschaft, die die Feierlichkeiten für die DDR-Staatsikone Karl Marx kritisiert hatten. Dreyer und Juncker betonten jedoch unisono: „Man kann Marx nicht die Gräueltaten seiner vermeintlichen Erben im 20. Jahrhundert zuschreiben.“

„Lassen Sie uns Karl Marx neu entdecken“, lautete daher die Einladung von Oberbürgermeister Wolfram Leibe zum Start der Ausstellungen. „Wir haben als Geburtsstadt eine besondere Verantwortung gegenüber Marx, zu der wir uns bekennen – frei von ideologischen Vorbehalten, getragen von einem kritischen Bewusstsein.“

Die Landesausstellung in Trier steht unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und ist die bisher größte kulturhistorische Ausstellung zu Karl Marx mit insgesamt rund 400 Exponaten von Leihgebern aus ganz Europa. Der Ausstellungsteil im Landesmuseum konzentriert sich auf den intellektuellen Werdegang von Karl Marx vor dem Hintergrund der politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen seiner Epoche. Im Stadtmuseum geht es unter dem Titel „Stationen eines Lebens“ um die Person Karl Marx, seine Familie, Freunde, Weggefährten und Gegner.

Soziale Not in zeitgenössischer Kunst

Zu den herausragenden Exponaten zählen Manuskripte von Karl Marx, darunter die einzige erhaltene Seite vom Original-Entwurf des Kommunistischen Manifests und eine Erstausgabe des „Kapital“ mit handschriftlichen Anmerkungen des Verfassers. Zahlreiche zeitgenössische Gemälde und Kunstobjekte, aber auch Gegenstände aus der damaligen Arbeitswelt, vermitteln einen unmittelbaren Eindruck von den Zeitumständen, in denen Marx gelebt hat. Im Mittelpunkt stehen die Industrialisierung und die damit einhergehende soziale Not breiter Bevölkerungsschichten. Thematisiert werden zum Beispiel die Massenauswanderung und die Bargeldbeschaffung im Pfandhaus – zwei Erfahrungen, die auch das Leben des politisch verfolgten Flüchtlings Marx geprägt haben. In den Landschaftsgemälden bilden rauchende Fabrikschlote den Hintergrund für die nicht mehr so idyllische Natur.

In seiner Ausstellungsarchitektur greift das Landesmuseum die inhaltlichen Themen auf: Die Abteilung „Not und Unterdrückung“ befindet sich in düsteren, beengten Räumen. Barrikaden symbolisieren die Revolution von 1848, Gitterstäbe die Zeit der Verfolgung nach deren Scheitern. In der „Marx-Maschine“ werden die Exponate als Teil des Produktionsprozesses in einer Fabrikhalle inszeniert. Die Eckpunkte der Marxschen Politik und Ökonomie werden den Besuchern außerdem in Trickfilmen möglichst anschaulich nahegebracht.

Von Trier bis London

Die Ausstellung im Stadtmuseum gliedert sich nach den Städten, in denen Marx gelebt und gewirkt hat: Die Prägung in einer jüdisch-bürgerlichen Familie in der damals verarmten Stadt Trier, das Studium der Philosophie in Berlin, die Zeit als Journalist in Köln, die Exilaufenthalte in Paris und Brüssel, Manchester als Inbegriff des Kapitalismus und Wohnort von Marx‘ Freund Friedrich Engels und schließlich London als Lebensmittelpunkt von 1849 bis 1883. Zu sehen sind hier unter anderem das erste Porträtbild von Karl Marx, gezeichnet von seinem Kommilitonen Heinrich Rosbach, eine frühe Darstellung der Kinderarbeit am Webstuhl in einem Gemälde von Joan Planella i Rodriguez und eine Originalausgabe des Brettspiels „Strike“, das im Hause Marx oft gespielt wurde.

 
Bildergalerie
  • EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker charakterisierte Karl Marx in seiner Rede als einen in die Zukunft denkenden Philosophen.
  • Der Präsident der Europäischen Kommission und Triers Ehrenbürger, Jean-Claude Juncker und Ministerpräsidentin Malu Dreyer, samt Ehemann und Alt-OB Klaus Jensen (v. l.), beim Festakt in der Basilika.
  • In der 'Marx-Maschine" stellt das Landesmuseum die Theorie von Karl Marx mit Hilfe von Spruch- und Förderbändern dar.
  • Eine Delegation um Ministerpräsidentin Malu Dreyer (Mitte), Bundesjustizministerin Katarina Barley (4. v. l.), Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (links) und OB Wolfram Leibe (hinten, 5. v. l.) erhielt im Anschluss an den Festakt einen Rundgang durch die Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum.
  • Im Landesmuseum wird Karl Marx auch als Trickfilm-Figur wach.
  • 'La nena obrera' von Joan Planella i Rodríguez (1885) zeigt Kinderarbeit in der industriellen Revolution - ein junges Mädchen an einem Webstuhl.
  • Kathrin Schug vom Stadtmuseum Simeonstift erklärt zwei Besucherinnen ein Bild, das eine Szene im Pfandhaus darstellt.
  • Im Labor der Ausstellung 'Lebenswert Arbeit' des Museums am Dom sind 2500 bis 3000 Paar Arbeitshandschuhe kunstvoll drapiert.
  • Kurt Beck, Professor Beatrix Bouvier, Katarina Barley und Bischof Stephan Ackermann im Gespräch mit Kulturredakteur Alexander Wasner (v. l.).
  • Zahlreiche Gäste folgten der Einladung des Landes zum Festakt im Vorfeld der großen Marx-Landesausstellung.
 
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